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  • Einer ging über'n Rasen

  • Andreas
    Andreas Einer ging über'n Rasen
    Er zertritt das Hälmchen, sieht's mit gedankenverlorenem Blick unterm Schuh verschwinden. Er weiß nicht, ob's sich wieder aufrichtet, wenn er nun gleich den Fuß hebt zum nächsten Schritt, er sieht nicht nach, sieht sich nicht um, denn das Wichtige muss man im Auge behalten, und das ist ein Hälmchen nicht, nein, nein! Aber er ist gnädig und verschwendet kostbare Lebenszeit an's Hälmchen, um es in seine Gedanken zu kleiden - seine Gedanken sind Gold, Samt und Seide, - dass's Hälmchen darunter nur nicht knickt!
    "Es ist nicht so\" denkt er gewaltig, "...es ist nicht so, dass ich's extra täte! Hier sind viele Hälmchen, und ich gehe nicht kreuz und quere, um jedes zu zertreten. Ich bin nicht boshaft, auch ist nicht sinnloser Zeitvertreib Triebfeder meines Tun's, sondern... also,... es kümmert mich nicht, ob's nun zertreten ward, oder nicht. Es lag einfach auf meinem Weg, geriet einfach unter meinen Schuh dadurch, weil mein Schuh nun einmal dort hin traf, wo es stand. Es gibt viele Hälmchen, die auf meinem Weg liegen, aber dennoch nicht von meinen Schuhen getroffen werden, und ich ändere meinen Schritt weder zur Schonung der Hälmchen noch zur Freude am Zertreten!".
    So dachte er nun, und das war doch fein gedacht von ihm! Er ist sehr weise! Nun aber... er schritt also voran und verschwendete kostbare Gedanken an die erbärmlichen Hälmchen; Gedankenzeit, die er beim Wichtigen abziehen musste, über das er hätte nachdenken können, und machte den Hälmchen - ob zertreten oder nicht,- denn jedes kam in seinen Gedanken vor - nun ein Geschenk von unschätzbarem Wert dadurch!
    Da blieb er stehen, als hätte ihn der Schlag getroffen, und so ähnlich war es wohl auch - durch sein feines, kristallklares Gedankennetzwerk ging eine lichte Erschütterung, die alles beseitigte, was es an Zweifel in ihm gab. Mit einem Schlag wurde ihm klar: Gerade dadurch, dass er den Hälmchen seine Gedanken widmete, seine unschätzbare, kostbare Zeit opferte, gab er ihnen, den vormals bedeutungslosen Hälmchen, erst die ungeheuerliche Größe und damit für den Augenblick, in welchem er an sie dachte, die Wichtigkeit, die sie würdig werden lässt, damit er ihnen Gedanken überhaupt widmen kann! So hatte er, dies nun sein Schluss, denn letztendlich doch keine Zeit an Unwichtiges verschwendet, denn dies ist ihm auch einfach nicht möglich, weil alles ganz automatisch wichtig wird, wenn es bloß in seinen Gedanken auftaucht und er diesem seine Zeit opfert.
    So ist das wohl!
    Und wenn er weg ist und längst über anderes nachdenkt, und alle tuscheln über die Hälmchen, dann wird es heißen:" Seht, die unwichtigen Hälmchen! Aber Wichtigkeit hatten sie ja doch in einem Moment, denn sie waren einst zu Gast in seinem Gedankengebäude!" Und einstmals vielleicht, da wird er sie mit einer dauerhaften Wichtigkeit belohnen, und wird ein Bild malen mit vielen Hälmchen; aber ob und wann das geschieht, ja, da wird man einmal schauen müssen, dies weiß niemand zu sagen!
    Dies also blitzte im alles erleuchtenden Moment in seinem Kopfe auf, als er da so stand, ganz erstarrt, und steht noch immer.
    "Ich Bin!" denkt er nun, und es ist schieres Rasen in seiner Brust, etwas packt ihn und zieht ihn nach oben, ein Schwindel, ein Gefühl, dass er fast nicht atmen kann... "Ich bin der\" denkt er und ihm entfleucht ein undeutliches Murmeln, so überwältigt ist er, und weiter denkt er gar nicht, denn alles war nun gesagt, alles war gedacht in einem Moment, und keine Wichtigkeit auf der Welt außerhalb von ihm gibt es jetzt mehr: Und nein, keine Worte gibt es und wird es je geben, um jenes beschreiben zu können,... jenes, was geschah, als ER dereinst über den Rasen ging.

    (((o:
    Gute Nacht wünscht,
    der liebe Onkel Mond
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