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  • kein titel 85

  • neurg kein titel 85
    willi war in meinem alter und damals schon schwerkrank.
    die geschichte hab ich mit 15 aufgeschrieben, da war hier noch osten und mir schwante nicht, wie sehr sie ein vierteljahrhundert später als "normalität" daherkäme...




    -1-

    Ein beiseite gelegtes Haus. Den Ansprüchen der Menschen nicht mehr genügend, abrißreif. Außen verkommen, innen zerfallen. Die Fensterläden sind geschlossen, die Türen verrammelt.
    Dem Betrachter drängt sich ein Gefühl von Leblosigkeit auf. Mit dem Gedanken an die hier immerwährende Einsamkeit beschleunigt er seinen Schritt. Er geht in Richtung Stadt. Er hat ein Zuhause dort, vielleicht eine Wohnung, vielleicht ein Eigenheim. Er kennt Leute dort, weiß sich unter Freunden.
    Bei ihnen vergißt er das äußerlich stumme Haus.


    -2-

    In dreieinhalb Minuten wollen wir uns treffen. Es sind noch vier Stationen bis zur Parkallee, also mindestens eine viertel Stunde.
    Ich trete unruhig von einem Bein auf`s andere. Wenn er nur nicht geht! Endlich springe ich aus der Straßenbahn. Jetzt noch 200 Meter.
    Als ich links einbiege, sehe ich Willi. Er liegt auf der Bank. Obwohl er mich nicht sieht, verlangsame ich meinen Schritt.
    Vor der Bank liegen leere Flaschen. Ich stoße sie mit dem Fuß zur Seite. Dann hebe ich vorsichtig seinen Kopf an. Die Gesichtshälfte, auf der er gelegen hat, kennzeichnet deutlich die Rillen der Bank.
    "Scheiß Bänke" fluche ich, ziehe meine Jacke aus und falte sie zu einer Art Kissen.
    Dann setze ich mich neben die Bank auf den Weg und stecke mir eine Kippe an.
    Ich habe Hunger, noch 4 Stunden bis zum Abendbrot. Heut gibt`s Zuhause Schnitzel, wie fast jeden Freitagabend.
    Mir fällt ein, das ich etwas für ihn mithabe. Ich krame 3 eingepackte Brötchen aus meiner Mappe und stecke sie ihm in die Jackentasche.


    -3-

    Willi ist wach.
    Er beugt sich über die Bank, ich stecke ihm meine Hand in den Mund, rede ihm zu und denke dabei daran, daß das Grün seiner Haare schon wieder nachläßt. Mit den Worten, daß er sich noch ein bißchen ausruhen soll, wische ich ihm den Mund und die Tränen ab.
    Dann setze ich mich wieder auf den Weg und stecke mir wieder eine Zigarette an.


    -4-

    Ein Ehepaar, gut gekleidete Frau, eleganter Herr, beide um die 40, kommt in Richtung unserer Bank. Es sieht nach Spaziergang vor der Kaffeepause aus.
    Als sie uns sehen, lese ich für Sekunden Neugier in ihren Gesichtern, dann etwas wie Empörung, Mißachtung, fast Ekel.
    Aus einem Wirrwarr von Worten vernehme ich "Abschaum".
    Ich sehe ihn an.
    Er schläft, die Schminke ist verschmiert, die bemalte Lederjacke zerissen, die Hose steht vor Dreck.
    Das Grün seiner Haare wird auch schonwieder blaß- das schöne Grün.
    Er sieht seiner Mutter ähnlich. Seiner Mutter, die ihn schon damals in der zweiten Klasse mit der Hundekette durchgedroschen hat im Suff.
    Er ist vorbestraft wegen Diebstahl und Körperverletzung, war im Werkhof. Er trinkt. Er glaubt an nichts. Er ist besoffen und dreckig.
    Ja. Abschaum.


    -5-

    Hier auf dieser Bank hat Willi vor 6 Wochen zusammengekauert gesessen.
    Er hat Rotz und Wasser geheult. Sein Auge war dick und blutig. Der Neuste seiner Mutter hatte ihn rausgeprügelt.
    Seit diesem Tag weiß ich, daß er keine Träume mehr hat. Die Tränen waren getrocknet, die Gefühle ausgebrannt. Wie er damals dort saß, wie er jetzt hier liegt...


    -6-

    Ich wecke ihn vorsichtig, er reagiert, ich stütze ihn. Bringe ihn in sein Reich. Dort ist eine alte Wolldecke, er fiert. Er sackt dauernd zusammen. Ich schaffe es. Bringe ihn dorthin, wo er nicht allein ist.

    Zu einem Haus, welches den Ansprüchen der Menschen nicht mehr genügt, dessen Fenster und Türen verrammelt sind. Zu einem Haus, das außen verkommen und innen zerfallen ist. Zu einem Haus, in das man nur noch durch eine winzige, versteckte Luke schlüpfen kann; das den Betrachter abschreckt, ihn seinen Schritt beschleunigen läßt.
    Zu einem beiseite gelegten Haus.
  • heinrich
    "Gib den Armen nichts; so kommen sie nicht wieder:

    Ob der Spruch stimmt soll jeder für sich entscheiden...

    ABR!

    Gib den Armen Brot
    und den Reichen Droge
    (nicht umgekehrt! denk nach warum...)


    ...ist ein Spruch von mir...
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