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  • Was bedeutet die Motivumkehr bei Baselitz?

  • iffulF Was bedeutet die Motivumkehr bei Baselitz?
    Warum Baselitz seine Motive umdrehte, wird oft als Trick usw. aufgefasst.
    Dazu zunächst drei Textpassagen aus 'Das Motiv ohne Inhalt' von Christian Malycha:


    1) Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Debatten der 1950er um das Menschenbild nach dem zweiten Weltkrieg und der Streit um Abstraktion und Figuration aus heutiger Distanz eine tiefliegende Krise der Moderne deutlich machen, mit welcher ein Maler 1960 umzugehen hat...(aus Christian Malycha; Das Motiv ohne Inhalt)

    2) In seinen(Baselitz - Fluffi)Bildern geht es ihm weder um die Verklärung einer dumpfen Dinglichkeit noch um das Ideal einer selbstgenügsamen Abstraktheit. Früh erkennt er beide Alternativen als Postulate einer ideologischen Propaganda, um die Wirklichkeit widerzuspiegeln oder dem Seelischen Ausdruck zu geben – das Bildnerische an sich treffen beide jedoch nicht. (Sehr interessant! Das heißt für mich, dass solche Herangehensweisen wie Kunst liegt im Auge des Betrachters oder Das ist mit Herzblut/Seele gemalt usw. bildnerische Pillepalle sind. Genauso bloße technische Kabinettsstückchen - Fluffi) und weiter...Unweigerlich führen die ästhetischen Richtlinien des soz. Realismus zu einer reinen, allgemein menschlichen Dinglichkeit wie die westliche Abstraktion auf eine immense Subjektivierung der Künste zielt, die ihr Allgemeines in der Reinheit ihrer Vergeistigung finden soll. Um aber die bildnerischen Probleme grundsätzlich in den Griff zu bekommen, entscheidet sich Baselitz gegen die dogmatischen Vorgaben aus Ost und West für eine unreine Malerei...(aus Christian Malycha; Das Motiv ohne Inhalt)

    3) ...ein Kunstwerk erlangt Bedeutung nicht durch seine Absicht, sondern durch seine Realisierung...eines der Grundprobleme der modernen Malerei...(aus Christian Malycha; Das Motiv ohne Inhalt)

    Ganz interessant ist auch der Text 'Warum das Bild die großen Freunde, ein gutes Bild ist' aus Baselitz Texte 1966-2000. Leider habe ich keinen entsprechenden Link gefunden. Dort steht auch: 'Ein Gegenstand auf dem Kopf gemalt ist tauglich für die Malerei, weil er als Gegenstand untauglich ist.'

    Das bedeutet m.M. nach, die Motivumkehr ist nach den Rayski Köpfen, den Heldenbildern, den Fragmentbildern das konsequente Weitergehen auf der Suche nach der 'Totalität des eigenen Bildes'. Eines Bildes welches bar jeder Anbiederung bei Betrachtern, Politik, Religionen, Kunstrichtungen, Perspektiven, Wirklichkeiten, Techniken, Zeiten usw. ist.
  • leirA

    2) In seinen(Baselitz - Fluffi)Bildern geht es ihm weder um die Verklärung einer dumpfen Dinglichkeit noch um das Ideal einer selbstgenügsamen Abstraktheit. Früh erkennt er beide Alternativen als Postulate einer ideologischen Propaganda, um die Wirklichkeit widerzuspiegeln oder dem Seelischen Ausdruck zu geben – das Bildnerische an sich treffen beide jedoch nicht. (Sehr interessant! Das heißt für mich, dass solche Herangehensweisen wie Kunst liegt im Auge des Betrachters oder Das ist mit Herzblut/Seele gemalt usw. bildnerische Pillepalle sind. Genauso bloße technische '

    Das bedeutet m.M. nach, die Motivumkehr ist nach den Rayski Köpfen, den Heldenbildern, den Fragmentbildern das konsequente Weitergehen auf der Suche nach der 'Totalität des eigenen Bildes'. Eines Bildes welches bar jeder Anbiederung bei Betrachtern, Politik, Religionen, Kunstrichtungen, Perspektiven, Wirklichkeiten, Techniken, Zeiten usw. ist.

    Schön, dass Du das Thema noch mal aufgegriffen hast.
    Dass man etwas gegen eine Verklärung dumpfer Dinglichkeit hat, ist verständlich.
    Sich selbst genügsame Abstraktheit mag ich. Anderenfalls müsste man alle Abstrakten von Kandinsky bis Frank Stella ablehnen. Die gesamte Minimalkunst wäre sinnlos und ein einziger Holzweg.
    - Das glaube ich nicht, oder will wenigstens hoffen, dass es nicht so ist, haha.
    Ein Bild einfach auf den Kopf zu stellen oder eins auf den Kopf zu malen, hat in meinen Augen etwas infantil Verweigerndes. Dabei gibt es doch unendlich viele Möglichkeiten die eigene Kreativität zu verwirklichen ohne sich anzubiedern. Auf- den- Kopf- Stellen des Motivs mutet irgendwie schwach an.

    Ich kann mich noch an einen alten Streit zwischen dem Minimalisten Donald Judd und Baselitz erinnern.
    Judd warf Baselitz damals sinngemäß vor, seine Bilder seien uninspiriert, schwach und ein wenig plöde.
    Baselitz sagte, er finde Entendonald wesentlich innovativer als Kästendonald. - War eine lustige Debatte!


    Ich persönlich bin aber Fan von "Kästendonald", Gott hab ihn selig!
  • xiflamsungam
    @fluffi: Danke für die Ausführungen zu dem Thema. Das hat mich dazu gebracht mal etwas über Baselitz zu lesen.
    Für alle (wie auch mich), die bisher keinen Zugang zu Baselitz und der Motivumkehr haben anbei ein Link zum Kunsverein Braunschweig:

    http://www.kunstverein-bs.de/index.jsp?NAV=311&LNG=DE&DOC=74

    Die Frage, die sich aus diesem - und anderen Themen - aufdrängt ist, hat die Malerei überhaupt noch eine innovative Chance, oder bewegt sie sich in einer historisch gewachsenen Gummizelle? Ist sie sozusagen am Ende der evolutionären Möglichkeiten und stagniert in bestehenden Ausdrucksformen?

    Eine Frage, die mich schon länger beschäftigt und einen etwas resignieren läßt. Grüße! magnus
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  • WERWIN
    WERWIN Kultur
    @fluffi: Danke für die Ausführungen zu dem Thema. Das hat mich dazu gebracht mal etwas über Baselitz zu lesen.
    Für alle (wie auch mich), die bisher keinen Zugang zu Baselitz und der Motivumkehr haben anbei ein Link zum Kunsverein Braunschweig:

    http://www.kunstverein-bs.de/index.jsp?NAV=311&LNG=DE&DOC=74

    Die Frage, die sich aus diesem - und anderen Themen - aufdrängt ist, hat die Malerei überhaupt noch eine innovative Chance, oder bewegt sie sich in einer historisch gewachsenen Gummizelle? Ist sie sozusagen am Ende der evolutionären Möglichkeiten und stagniert in bestehenden Ausdrucksformen?

    Eine Frage, die mich schon länger beschäftigt und einen etwas resignieren läßt. Grüße! magnus





    Hiermit ist das Wachstumsende jeder Kultur eingeleutet.
    Mein Zeitgeist sagt mir etwas ganz anderes!.....nämlich Feuer frei bis zum Abwinken!w:-
    Hurra....es Lebe die Vielfalt!
    Signature
  • xiflamsungam Feuer frei...
    Natürlich Werwin stimme dir zu!
    Man kann alles machen und und sich an seiem Schaffen erfreuen. Ich persönlich kann mich an den vielen verschiedenen "Darreichungsformen" erfreuen. Doch spüre ich ein gewisses Ringen in der Malerei um neue Wege, mich einmal ausgenommen, bei innovativen Gedanken bin ich noch lange nicht.
    Deshalb interessiert mich die Meinung derjenigen, die einen besseren aktuellen Überblick haben. LG magnus
  • leirA
    Kernzitat des Links:
    In Köln findet 1970 die erste Ausstellung mit auf dem Kopf stehenden Bildern statt. Die Motivumkehr erlaubt Baselitz, sich nun mit rein malerischen Problemen auseinander zu setzen.



    Es ist also so, wie man es sich hat denken können, ohne jemals eine kunstwissenschaftliche Rezeption über Baselitz nachvollzogen zu haben.
    Er hat es gemacht, um sich mit rein malerischen Problemen zu beschäftigen, wie alle vor ihm auch schon: Cesanne, Van Gogh, Matisse, Kandinsky, Picasso, neue Wilde, usw.. Nur einige sind eben auch ganz in die Abstraktion gegangen und beschäftigten sich dort mit reiner Malerei. Irgendwie auch schon wieder müßig.
    Trotzdem: Der Kunstgriff, das Bild einfach umzudrehen, ist in meinen Augen eher infantil. Sowas würde ich nicht mit der Arbeit Cesannes, Mondrians oder Picassos vergleichen, die sich ja auch vom Gegenstand der Anschauung gelöst haben.
    Baselitz hat sich in seinen Bildern auch nicht mit rein malerischen Problemen befasst, man sieht ja immer deutlich das auf den Kopf gestellte Motiv. Der Betrachter gleicht also auch immer automatisch den Wiedererkennungswert dieses Motivs mit ab.

    [code:1]Die Frage, die sich aus diesem - und anderen Themen - aufdrängt ist, hat die Malerei überhaupt noch eine innovative Chance, oder bewegt sie sich in einer historisch gewachsenen Gummizelle? Ist sie sozusagen am Ende der evolutionären Möglichkeiten und stagniert in bestehenden Ausdrucksformen?

    Eine Frage

    , die mich schon länger beschäftigt und einen etwas resignieren läßt.[/code:1]

    Je intensiver man sich mit Malerei beschäftigt, um so deutlicher sieht man wohl diese Gummizelle. Anfänger und Hobbymaler sehen sie regelmäßig nicht.
    Sobald man sich nicht mehr bloß mit der Abbildung beschäftigt, ist die Gummizelle da. Sie besteht in dem Gefangensein in einem nahezu ausgereizten Metier.
    Malerei als geistige Entwicklung ist sicher endgültig stagniert! Nach hinten ist die Entwicklung durch Fotografie und alle Unterarten des Fotorealismus abgeschnitten. Diese Malweisen finden ihre Obergrenze in der Fotografie selbst und nahezu alles nebenher wurde längst gemacht und ist ein alter Hut.
    Nach vorn gesehen, also in der Abstraktion ( Baselitz gehört dazu) mag es noch Nebenschauplätze geben, die noch ungesehen sind, aber das ist eher selten.
    Als Stilrichtung ist alles schon da gewesen, da halte ich ein kollektives Voranschreiten in eine "Marschrichtung" wie noch in den sechziger für ausgeschlossen.

    Die innovative Chance in der Malerei sehe in der kleinen Sphäre jedes Einzelnen.
  • xiflamsungam
    Danke Ariel für deine Ausführungen, auch, wenn sie meinen Eindruck bestätigen. Für mich ist daraus die Konsequenz, dass ich genau das machen werde, was mir am meisten Spaß macht, und eher daran arbeite, meine Qualität weiter zu steigern.
    Letzenendes ist der Weg das Ziel :-) Grüße! magnus
  • iffulF
    ...
    Trotzdem: Der Kunstgriff, das Bild einfach umzudrehen, ist in meinen Augen eher infantil. Sowas würde ich nicht mit der Arbeit Cesannes, Mondrians oder Picassos vergleichen, die sich ja auch vom Gegenstand der Anschauung gelöst haben.
    Baselitz hat sich in seinen Bildern auch nicht mit rein malerischen Problemen befasst, man sieht ja immer deutlich das auf den Kopf gestellte Motiv. Der Betrachter gleicht also auch immer automatisch den Wiedererkennungswert dieses Motivs mit ab.


    Interessant. Allerdings würde ich zu bedenken geben, dass Cezanne, Mondrian, Picasso u.a. zeitlich vor Baselitz arbeiteten und er somit diese Wege nicht gehen konnte. Was macht den Unterschied zwischen Picasso, Cezanne, Matisse gegenüber Klee aus? (Klee neben der Bücke als Vorbilder Baselitz' in oben erwähnten Buch benannt.) Das wurde so beschrieben, dass besagte Künstler monolithisch wirken, während Klee so offen ist, dass er ein Punkt zum weiterdenken/gehen ist. Bei ersteren ist wahrscheinlich nur Ablehnung oder Epigonentum möglich, während Klee als Ausgangspunkt für eigene Bildfindungen/wege angesehen werden kann. Siehe auch Eckhart Gillen in Die Wut der Bilder: '...daß jeder, der sich in Picassos Fahrwasser begibt, darin umkommt...'


    ... Die innovative Chance in der Malerei sehe in der kleinen Sphäre jedes Einzelnen.


    Die Totalität des eigenen Bildes?
  • siku

    Interessant. Allerdings würde ich zu bedenken geben, dass Cezanne, Mondrian, Picasso u.a. zeitlich vor Baselitz arbeiteten und er somit diese Wege nicht gehen konnte. Was macht den Unterschied zwischen Picasso, Cezanne, Matisse gegenüber Klee aus? (Klee neben der Bücke als Vorbilder Baselitz' in oben erwähnten Buch benannt.) Das wurde so beschrieben, dass besagte Künstler monolithisch wirken, während Klee so offen ist, dass er ein Punkt zum weiterdenken/gehen ist. Bei ersteren ist wahrscheinlich nur Ablehnung oder Epigonentum möglich, während Klee als Ausgangspunkt für eigene Bildfindungen/wege angesehen werden kann. Siehe auch Eckhart Gillen in Die Wut der Bilder: '...daß jeder, der sich in Picassos Fahrwasser begibt, darin umkommt'

    ... Die innovative Chance in der Malerei sehe in der kleinen Sphäre jedes Einzelnen.


    Die Totalität des eigenen Bildes?


    Ich lese hier schon länger mit und finde die Beiträge auch interessant, doch jetzt wird es mir einfach zu kraus ;).

    Cézanne war ein Wegbereiter zur Auflösung des illosionistischen Tiefenraumes, seine evokativer Flächenbehandlung legte erste Spuren zur zweidimmensionalen Fläche, Matisse hat diesen Weg auch beschritten, mehr die Farbe als den naturalistischen Gegenstand thematisiert, Picasso hat in seiner kubisitischen Phase Fläche und Gegenstände zergliedert, und Bildfläche und abgebildeten Gegenständen zu neuen, vielschichtigen Raumdimmensionen verholfen, Klee hat einen geistigen metaphysichen Aspekt in seinen Arbeiten, der weder bei Cézanne, Matisse, Picasso (bei Mondrian dagegen schon) thematisiert wurde und auch nicht thematisiert werden sollte.
    Als Baselitz die Kunstszene betrat, da war die Palette der Moderne von der Auflösung des illusionistischen Bildraums, metaphysischen Gedanken und der reinen Thematisierung der Ausdruckskraft der Farbe (Informel) bereits abgespult. Baselitz Arbeiten bestechen weder durch innovative Faktoren, die wegweisend wurden wie bei den bereits genannten Malern, noch durch das Motiv. B. Arbeiten leben m.E. in erster Linie von seinem "malerischen Duktus", der durch die Drehung der Motive noch hervorgehoben wird.

    B. hat z.B. eine Arbeit, die sich "Tanz ums Kreuz" nannte, thematisiert war der Tanz der Farben um das Motiv "Kreuz", und genau das macht B. arbeiten aus, der Duktur bringt die Farben zum Tanzen :-).

    Es wird schnell unübersichtlich, wenn man gut 70 Jahren malierischer Entwicklung auf einmal in einem künstlerischen Werk, wie dem von Baselitz enden lässt.
  • iffulF
    @siku Danke für den Beitrag

    '...Als Baselitz die Kunstszene betrat, da war die Palette der Moderne von der Auflösung des illusionistischen Bildraums, metaphysischen Gedanken und der reinen Thematisierung der Ausdruckskraft der Farbe (Informel) bereits abgespult...'

    Denke ich auch, vielleicht nicht richtig ausgedrückt. Aber Punkt 1 ganz oben sollte dies (als Krise der Moderne, oder eben ihr Abgespultsein) beschreiben.

    '...Es wird schnell unübersichtlich, wenn man gut 70 Jahren malierischer Entwicklung auf einmal in einem künstlerischen Werk, wie dem von Baselitz enden lässt...'

    Kam das so rüber? Ich denke eher fortsetzen, eben durch die eigene totale Bildfindung, zu der auch die Motivumkehr(für B., bei Richter waren es m.M. die Fotos) gehört. Es ging m.M. nach darum, wie kann man noch Bilder malen? Nach der von dir beschrieben Abgespultheit der Moderne. Wahrscheinlich ging es schon immer darum. :)
  • siku
    Ich denke eher fortsetzen, eben durch die eigene totale Bildfindung, zu der auch die Motivumkehr(für B., bei Richter waren es m.M. die Fotos) gehört. Es ging m.M. nach darum, wie kann man noch Bilder malen? Nach der von dir beschrieben Abgespultheit der Moderne. Wahrscheinlich ging es schon immer darum. :)


    Die Frage, "ob man noch noch Bilder malen kann", haben die Künstler immer wieder gestellt, von Rodtscheko , über Rauschenbergs weiße Leinwände, die "Landeplätze" für Licht- und Schatten bis Zero - und es ging immer weiter, ich sehe das so wie Ariel
    "Die innovative Chance in der Malerei sehe in der kleinen Sphäre jedes Einzelnen."

    Richters Bild "Frau die Treppe heruntersteigend" ist ein sehr schönes Beispiel für die malerische Umsetzung eines Fotos in ein Gemälde. Die Frau auf dem Bild (Richters erste Ehefrau" war übrigens angezogen und die Treppenstiegen waren eng ;-). Im Vergleich zwischen Foto und Gemälde kommt die malerische Phäre des Gemäldes sehr gut zum Ausdruck. Das Motiv "Akt die Treppe heruntersteigend kam von Duchamp.
  • leirA
    Ich lese hier schon länger mit und finde die Beiträge auch interessant, doch jetzt wird es mir einfach zu kraus ;).

    "Cézanne war ein Wegbereiter zur Auflösung des illosionistischen Tiefenraumes, seine evokativer Flächenbehandlung legte erste Spuren zur zweidimmensionalen Fläche, Matisse hat diesen Weg auch beschritten, mehr die Farbe als den naturalistischen Gegenstand thematisiert, Picasso hat in seiner kubisitischen Phase Fläche und Gegenstände zergliedert, und Bildfläche und abgebildeten Gegenständen zu neuen, vielschichtigen Raumdimmensionen verholfen, Klee hat einen geistigen metaphysichen Aspekt in seinen Arbeiten, der weder bei Cézanne, Matisse, Picasso (bei Mondrian dagegen schon) thematisiert wurde und auch nicht thematisiert werden sollte.
    Als Baselitz die Kunstszene betrat, da war die Palette der Moderne von der Auflösung des illusionistischen Bildraums, metaphysischen Gedanken und der reinen Thematisierung der Ausdruckskraft der Farbe (Informel) bereits abgespult."

    Man muss m.E. in einem nicht wissenschaftlichen, aber trotzdem ernsthaften Gespräch hier im Internet auch einmal mit "gesunder Oberflächlichkeit" markante Gedanken über den Daumen gepeilt ansprechen. Sonst wird's nämlich trocken!
    Mir sind die Charakteristika der genannten Künstler bekannt, da ich sie bis auf Baselitz alle sehr bewundere. Ich könnte sie hier auch seitenlang darstellen, nur ist diesem Gespräch damit nicht gedient.
    Ich habe die Künstler aufgezählt, weil sie wie andere Avantgardisten exemplarisch sind. Sie haben eine Gemeinsamkeit: Erweiterung der bisherigen und Einbeziehung neuer, von der bloßen Anschauung des Gegenstandes losgekoppelter Vorstellungen.
    Diese Künstler stehen für das, wie die Kästner Gesellschaft Baselitz Werk erklärt wissen will ( steht oben in meinem Zitat!).
    Darum steht Baselitz am Ende dieser Reihe prominenter Namen und wird von mir vor dem Hintergrund " Befassung mit reiner Malerei" aufgeführt.
    Ich verwechsle schon nichts, mir ging es um eine Argumentation, die belegt, dass Baselitz eher nicht in diese Reihe Prominenter gehört.
    Grüße
    Edit: Du hast vergessen, Dich zum Thema zu äußern. Warum hat Baselitz das Motiv umgedreht? Ist das alles so bedeutsam, wie die Kästner Gesellschaft glaubt?
  • leirA

    Interessant. Allerdings würde ich zu bedenken geben, dass Cezanne, Mondrian, Picasso u.a. zeitlich vor Baselitz arbeiteten und er somit diese Wege nicht gehen konnte. Was macht den Unterschied zwischen Picasso, Cezanne, Matisse gegenüber Klee aus? (Klee neben der Bücke als Vorbilder Baselitz' in oben erwähnten Buch benannt.) Das wurde so beschrieben, dass besagte Künstler monolithisch wirken, während Klee so offen ist, dass er ein Punkt zum weiterdenken/gehen ist. Bei ersteren ist wahrscheinlich nur Ablehnung oder Epigonentum möglich, während Klee als Ausgangspunkt für eigene Bildfindungen/wege angesehen werden kann. Siehe auch Eckhart Gillen in Die Wut der Bilder: '...daß jeder, der sich in Picassos Fahrwasser begibt, darin umkommt'


    Klee ist auch mein Vorbild. Für mich der wichtigste Künstler überhaupt. Sehe ich genauso wie Du es beschrieben hast. Viele andere sind Nischenbesetzter ihres eigenen Arbeitsansatzes, also Eigentümer von Sackgassen, die nach ihnen benannt wurden.
    Klee steht, um in diesem Bild zu bleiben, mitten auf einer großen Kreuzung.
    Baselitz konnte die Wege der klassischen Moderne nicht mehr gehen, da sie schon beschritten waren, aber so ist es eigentlich immer. Die gegangenen Wege sind da, um sie gedanklich nachzuvollziehen und sich von ihnen zu lösen.
    Ich finde, ein Künstler steht unter Druck, das Geschaffene möglichst anders aussehen zu lassen. Baselitz hat diesem Druck zu sehr nachgegeben. Sein Werk ist nicht so sehr verschieden von anderen. Da hat er m.E. zu viel des Guten getan und seine Motive umgedreht.
    Die frühen Arbeiten/ großer Freund usw. fand ich gut, mit der Umkehrung hatte sein Werk verloren.
  • siku
    [quote="p232456"]

    Diese Künstler stehen für das, wie die Kästner Gesellschaft Baselitz Werk erklärt wissen will ( steht oben in meinem Zitat!).
    Darum steht Baselitz am Ende dieser Reihe prominenter Namen und wird von mir vor dem Hintergrund " Befassung mit reiner Malerei" aufgeführt.
    Ich verwechsle schon nichts, mir ging es um eine Argumentation, die belegt, dass Baselitz eher nicht in diese Reihe Prominenter gehört.
    Grüße
    Edit: Du hast vergessen, Dich zum Thema zu äußern. Warum hat Baselitz das Moiv umgedreht? Ist das alles so bedeutsam, wie die Kästner Gesellschaft glaubt?


    Ich finde dein angegebenes Zitat nicht, vielleicht sehe ich den Wald auch vor lauter Bäumen nicht. Man kann in alles etwas hineinreden, schreiben, dazu werden Kunstheoretiker schließlich ausgebildet, um die "bedeutenden" Künstler rhetorisch zu unterstützen.
    Wie ich Baslitz Arbeiten einschätze, habe ich doch gerade geschrieben, ich denke deutlich genug.

    "Ich kann mich noch an einen alten Streit zwischen dem Minimalisten Donald Judd und Baselitz erinnern.
    Judd warf Baselitz damals sinngemäß vor, seine Bilder seien uninspiriert, schwach und ein wenig plöde.
    Baselitz sagte, er finde Entendonald wesentlich innovativer als Kästendonald. - War eine lustige Debatte!


    Ich persönlich bin aber Fan von "Kästendonald", Gott hab ihn selig!"


    Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie man Misverständisse richtig aufbaut :-). "Kästendonald" war erst Kunsttheoretiker, dann sah er, wo der Zug hinfuhr und fand einen Stil mit dem er noch berühmt werden konnte. Die einzelnen Kästen finde ich schlicht langweilig, sein Gesamtwerk "irgendwo in den USA" mag interessant sein, ich war aber leider noch nicht dort. Ob der überhaupt was von Malerei verstand?

    Der Vergleich eines (wohl weniger intellektuellen) Malers mit einem intellektuellen Theoretiker ist doch müßig (ob D. überhaupt malen konnte bezweifle ich, ich kenne jedenfalls keine Malerei von ihm) , die Diskussion zwischen B. und D. kenne ich auch nicht, aber möglich, dass sich hier zwei gestritten haben, die von dem Tun des jeweiligen anderen nix verstanden haben ;-), das wäre in der Kunstszene auch nix Neues.
  • leirA
    🔗

    In Köln findet 1970 die erste Ausstellung mit auf dem Kopf stehenden Bildern statt. Die Motivumkehr erlaubt Baselitz, sich nun mit rein malerischen Problemen auseinander zu setzen.
  • siku
    Kunstverein nicht Kestnerge....

    Was soll ich dazu noch schreiben ;-)

    "Die Motivumkehr erlaubt Baselitz, sich nun mit rein malerischen Problemen auseinander zu setzen"

    das trifft im Kern auch meine Bewertung der Arbeiten, das Malerische, der Duktus macht auf die Arbeiten aufmerksam, sonst würde ich die gar nicht wahrnehmen, aber da ich eher Fan von Malerei als von theoretisch unterlegter Klempnerarbeit bin, schaue ich mir lieber gelungene Pinselstriche als Metallkästen an.
  • leirA
    Habe das Zitat noch mal gebracht, da Du es nicht gefunden hast.

    [code:1]Was soll ich dazu noch schreiben ;-)[/code:1]





    Nichts!
  • siku


    Ich finde, ein Künstler steht unter Druck, das Geschaffene möglichst anders aussehen zu lassen. Baselitz hat diesem Druck zu sehr nachgegeben. Sein Werk ist nicht so sehr verschieden von anderen. Da hat er m.E. zu viel des Guten getan und seine Motive umgedreht.
    Die frühen Arbeiten/ großer Freund usw. fand ich gut, mit der Umkehrung hatte sein Werk verloren.


    ich finde nicht, dass (einige) die Arbeiten mit der Umkehrung verloren haben, "Bäume" habe ich im Original gesehen und ich war von dem malerischen Ausdruck überrascht, im Druck kommt das nicht so gut rüber.
    Alle Arbeiten finde ich auch nicht gelungen, es gibt eben mal starke und dann wieder weniger starke. Vielleicht hat B. auch nur gesehen, dass das Malerische besser zum Ausdruck kommt, wenn die Motive auf dem Kopf stehen. Dadurch, dass man das Motiv nicht mehr in einer Sekunde erfassen kann, wirkt der Gesamteindruck des Bildes vielleicht etwas "komplexer" ;-).
  • nighthawk
  • iffulF
    ...denn er hat, wie kaum ein anderer künstler seiner generation, sein "tag" in der kunstgeschichte hoch und weit sichtbar angebracht, wo keiner mehr hinkommt und auch nicht hinkommen will, weil es auch blöd wäre das nachzumachen...


    Das verstehe ich nicht. Warum wäre genau das blöd, wo doch so viele auf ausgetretenen Pfaden unterwegs waren/sind?
    Die Umkehr des Motivs als Ausdrucksmittel betrachtet, kann doch nicht tabu sein. Wie viele Kubisten, Impressionisten, Expressionisten gab es doch. Kann man sich nicht aller Ausdrucksmittel bedienen, die erarbeitet worden sind? Quasi als Postmoderne?
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