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Riese, Monster, Stimmung, Angst, Depression, Literatur

KonkretRieseUngeheuerStimmung

  • Uploaded by apogaeum

    >>...währenddessen mich immer allerlei Gedanken stark beschäftigen, weil sich beim Spazieren viele Einfälle, Lichtblitze und Blitzlichter ganz von selber einmengen und einfinden, um sorgsam verarbeitet zu werden, kam ein Mensch, ein Ungetüm und Ungeheuer mir entgegen, der mir die helle Straße fast völlig verdunkelte, ein hochaufgeschossener, unheimlicher Kerl, den ich nur allzu gut kannte, ein höchst sonderbarer Geselle, nämlich der Riese Tomzack. An allen anderen Orten, auf allen andern Wegen eher als hier auf dem lieben, weichen Landweg würde ich ihn vermutet haben. Seine traurige, schauervolle Erscheinung flößte mir Schrecken ein, und sein tragisches, ungeheuerhaftes Wesen nahm alle schöne, helle Aussicht, alle Frohheit und Freude sogleich von mir weg. Tomzack! Nicht wahr, lieber Leser, der Name allein klingt schon nach schrecklichen, schwermütigen Dingen. &#8222;Was verfolgst du mich, was hast du nötig, mir hier mitten auf dem Weg zu begegnen?&#8220; rief ich ihm zu. Doch Tomzack gab mir keine Antwort. Groß, das heißt von hoch oben herab schaute er mich an. Er überragt mich an Länge und Höhe um ein Bedeutendes; neben ihm kam ich mir wie ein Zwerg oder wie ein kleines, armes, schwaches Kind vor. Mit größter Leichtigkeit würde mich der Riese haben erdrücken oder zertreten können. Ah, ich wusste, wer er war. Für ihn gab es keine Ruhe. Er schlief in keinem sanften Bett, wohnte in keinem wohnlichen, heimeligen Hause. Er hauste überall und nirgends. Heimat hatte er keine und darum auch kein Heimatrecht. Gänzlich ohne Glück, ohne Liebe, ohne Vaterland und Menschenfreude lebte er. Irgendwelchen Anteil nahm er nicht, dafür nahm auch an ihm und seinem Treiben und Leben niemand Anteil. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren ihm eine wesenlose Wüste, und das Leben schien zu gering, zu eng für ihn zu sein. Für ihn existierte keinerlei Bedeutung; doch bedeutete wieder er selbst für niemand irgend etwas. Aus seinen Augen brach Glanz von Unterwelten- und Überwelten-Gram hervor, und ein unbeschreiblicher Schmerz sprach aus jeder seiner müden, schlaffen Bewegungen. Nicht tot, doch auch nicht lebendig, nicht alt und auch nicht jung war er. Hunderttausend Jahre alt schien er mir zu sein, und ferner schien mir, dass er ewigleben müsse, um ewig nicht lebendig zu sein. Jeden Augenblick starb er und vermochte dennoch nicht zu sterben. Für ihn gab es nirgends ein Grab mit Blumen. Indem ich ihm auswich, murmelte ich für mich: &#8222;Leb´wohl und lass`es dir immerhin gut gehen, Freund Tomzack."<<

    (Robert Walser, Der Spaziergang, GW, Band III, S. 229-231).

TitleFür ihn gab es nirgends ein Grab mit Blumen.
Material, TechniqueInky auf Maschienenpapier
Dimension DinA4
Year, LocationWürzburg, 2006
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Info2826 6 6 1 6 by 6 - 2 Votes
  • 6 Comments Sign in to leave a comment.
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    danke fürs hochzerren sebastian, verhalf mir zum essentiellen morgendlichen klaps an den okzipitallappen.
  • gibierk
    *!*
  • BFnaitsabeS
    Gefällt mir sehr gut. Viele Grüße. Sebastian
  • ilerb
    gern ---->
  • apogaeum
    apogaeum
    Danke, Herr Klein, für die anregende Post. Geniesse es immer wieder...

    Gruß A