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Zeichnungen, Abstrakt,

EinsZweiDrei

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    Uploaded by Tim Weber on 12/05/2017

    „Schröder, eine Rede! Eine Rede, Schröder. Zur Lage der Nation. Unseren Streit lass uns damit begraben.“

    Das kam wieder vom Tier. Alleine schon seine Intonierung ließ das Abwägen des Für und Wider zu klaren Gunsten eines Für ausfallen. Schröder drehte sich nach der Aufforderung gemächlich am Tresen um, und wiegelte mit der Hand in Richtung des sich an ihn Wendenden staatsmännisch ab. Doch als der Mann dem Saloon nun seine Vorderseite präsentierte, wurde er jäh mit aufmunternden Pfiffen und plumpen Gegröle überhäuften. Und genau wie eine Diva ziert sich der Bundeskanzler AD heuer im Gelass, wollte zunächst von seinem Publikum ordentlich hofiert werden.

    „Ja nun mal langsam, meine Freunde. Nun mal schön langsam. Sowas lässt sich nicht einfach übers Knie brechen. Eine Rede aus dem Stehgreif zu zaubern, gelingt nur den absoluten Profis.“

    Das sich nahtlos anschließende Fußtrampeln von Seiten des Publikums nutzte mein zartbesaitetes Glas auf der Theke sich unbemerkt von rechts nach links aus dem Staub zu machen. Nicht nur das Tier und die Nutte Ludmilla ließen Schröder jetzt nicht mehr aus den Augen, so dass der Bundeskanzler AD sich wohl zu dem Beschluss beflügelt sah, dem sich ihm kundtuenden Willen des Saloons nachzugeben. Ich folgte mit meinen Augen unter der Krempe Schröders sich von meinem im Rückwärtstrend fortbewegenden Rücken im Spiegel. Bis zum Mittelpunkt der Kneipe stapfte er, dort blieb er stehen.

    „Also schön, meine Kinder. Ich werde allerdings hier und da improvisieren müssen.“ „Ja Schröder, spiel uns was vor“, polterte es vom Tisch des Tieres unmittelbar zurück. Schröder nahm daraufhin sein Standbein ein wenig zurück, stemmt die Arme in die Hüften und pustete einmal kräftig seine Backen durch. Dann setzte er an.

    „Cowboys und Genossen, Viehtreiber und Nutten. Etwas unter perspektivischen oder normativen Gesichtspunkten und auch unter sonstig wahrnehmbare Kriterien Fallende, nicht eins zu eins Verwandte, wird vom Volksmund oft mittels des Aphorismus Du sollst Äpfel mit Birnen nicht vergleichen beschrieben. Berücksichtigt man noch, dass bei anzunehmendem, objektiv also sicherlich nicht vorliegendem gleichen Maße, evozierte etwa durch befremdliche Störungen oder gar semantische Verzerrungen, was in der Mannigfaltigkeit der einzeln zu betrachtenden Räume, der schieren Flut des sinnlich zu Antizipierenden, sicherlich schon ein Regelfall sein dürfte, die abnorm wirkende Kluft zwischen dem so Wahrgenommenen und dem möglichst zu Objektivierendem, eines von jeglichem Standortes freien zu begutachtenden Bilde oftmals erheblich ist, somit unter Umständen nicht unbeträchtliche Auswirkung auf persönlich gezogene Bilanz und dezidiertes Urteilsvermögen hat, sollte man doch als Podiumsredner, sicher aber als Insider der Materie, den Unmut eines Außenstehenden angesichts dieses mutmaßlichem Wirrwarr aus Punkte und Linien, diesem rastlosen Geflecht aus Symbolen und Wörtern, und seine daraus wohl notgedrungene Haltung zum Mut zur Lücke, genauer zur Verständnislücke, nur all zu gut verstehen.“

    Das Tier unterbrach ihn an dieser Stelle. „Schröder eine Rede, kein Kauderwelsch. Davon haben wir die Nase voll. Behalte dein Fachchinesisch dem Russen vor.“

    „Ha, Ha, Ha! Schon recht. Ich sagt’s ja. Sowas lässt sich nicht so einfach vom Zaune brechen. Obschon mir allerdings die gesellschaftliche Neigung zum Relativismus wichtig erscheint, vergaß ich doch für den Moment, in was für einer gemütlichen Spelunke ich mich hier befinde. Die eigenen Wurzeln lassen sich nur schwerlich leugnen, aber das nur nebenbei. Mein Vater Fritz, ein Vagabund und Halunke wie es im Buche geschrieben steht, hätte vor so viel Bildungsbürde auf dem zweiten Wege wohl auch nur Haare sträubend kapituliert. Ha, Ha, Ha! Also schön, Cowboys und handlungsbefugte Genossen. Auf zum zweiten Ansatz. Nun soll euch Mundgerechtes aufgetischt werden. Aber wer glaubt ich könne nur Politisieren, den will ich nun eines Besseren belehren. Zuvor aber mein syrisches Täubchen, flieg geschwind und hohl mir nochmal ne Pulle Bier, ansonsten streik ich hier, Ha, Ha, Ha! Damit lässt es sich nämlich viel besser polemisieren, und auf den Abgesang der abendländischen Kultur vorzüglich dichten. Ah, schaut euch nur an, wie sie von dannen schwebt.“

    Ich registrierte, wie sich meine Hand zur Faust ballte, als ich mitansehen musste wie bereitwillig sein Täubchen seiner Anweisung folgte. Was war es nur, was diesen Mann so unwiderstehlich machte?

    „Dank dir mein Täubchen. Und nun tritt einen Schritt beiseite. Gleich haben wir unser Intermezzo. Hähämm! Also schön, Cowboys und Trinkgenossen. Dann will ich mal testen, ob sich euer Blut zur vorgerückten Stunde noch in poetische Wallungen versetzen lässt. Und zwar mit einem Gedicht aus der Feder eines guten Freundes. Ihr kennt ihn alle gewiss. Den Carsten, unseren Maschmeyer. Was ihr allerdings nicht wissen könnt, woher solltet ihr auch, dass Carsten sich für mich und meine Sache in den letzten Jahren meiner Kanzlerschaft leidenschaftlich einsetzte. Die eine oder andere meiner damaligen Reden stammte aus seiner Feder. Auch heute noch bediene ich mich ab und an seiner Kunst. Ob als Gastredner auf einem Sozialforum, oder beim BDI, ja selbst beim Russen kann er ein Wörtchen mitreden, denn Maschmeyer deckt nahezu alle Themenfelder in meinem Sinne ab. Dabei oftmals scheinbar nur von Imagination inspiriert, beflügelt im Fahrwasser des Großmeisterhaften rudernd, nur aus dem Hintergrund agierend, also an meiner statt formulierend. Das Wort will schließlich wohl geschliffen sein. Da darf es nicht wundern, dass wenn man es professionell angehen möchte, einer nachweislich gut durchdachten Strategie folgend, es nur gut und billig sein kann, ja geradezu muss, der akribische Findungsprozess rund um das Worte, für die beste Politik und das dickste Geschäft. Im Dschungel seines Strategen Verstandes wird, gleich den dort lebenden Paradiesvögeln, jede einzelne Worthülse, jede widerspenstige Silbe zunächst geflissentlich gegoogelt, um auf ihre Originalität hin zu schließen und auf ihre eigenständige Kraft hin zu überprüfen. Mit dem klaren Ziele sich vom Mainstream und den Belanglosigkeiten der parteilichen Mitstreiter auf dem hart umkämpften Marktplatze der politischen Bühne wortstimmig loszueisen. Dass diese darüber anfangen zu spinnen, will nur folgerichtig sein. Dass aber das Thema zweckverfremdet links liegen bleibt, wie sie behaupten, der Weg nur über die Hintertreppe der gelungenen Phrase zum Vorhof der schönen Illusionen führe, doch wohl die reinste Gehässigkeit. Mögen all diese politischen Taugenichtse und Purzelbaumschläger nur wiederholend mahnen. Maschmeyer packt die Dinge kunstvoll, gleichwohl erfolgsmaximierend an. Cowboys, Dirnen und Genossen. Die Fähigkeit zur Gradlinigkeit zeichnet den großen Macher aus. Die Fähigkeit zu Martyrium und Selbstreflexion den Poeten. Maschmeyer verbindet beides in einer Person. Sofort mit den ersten Silben tauchen wir ab in eine verheißungsvolle Atmosphärendichte, die durch ihre eigenständige Sogwirkung besticht, Zuhörer wie Vortragenden gleichermaßen in das Wertliberale von sich frei entfaltender Marktkräften hineinkatapultiert. Aber lauscht, und bildet euch selbst ein Urteil.“

    Für mich lag jedoch jetzt schon die Vermutung nicht so fern, dass der wohl angemessenste Aufbewahrungsort für das schöpferische Werk Maschmeyers eine verstaubte Mottenkiste in der hintersten Ecke eines gottverlassenen Kellers sein müsste. Na gut, schauen wir mal. Schröder räuspert sich nun und wartet ein paar Augenblicke ab, bis genügend Konzentration in der Kneipe zu spüren war. Dann folgte das groß Angekündigte. Den Bewohnern Eldorado Citys sollte das bipolar feinsinnige Menschenbild Maschmeyers durch Schröders vorgetragenes Säuseln offenbart werden.

    „Oh holde Stute,
    geboren im Geiste des Rittes
    gepriesen im vollkommenem Schritte
    auserkoren warst du zu reiten und zu wiehern mit dem
    Hengste durch die Prärie
    der Sonne entgegen, so wie dich Natur gedieh

    Doch die Lanzen des Geldes durchbrachen den Traum
    So sahst du dich wieder in Rock und Saum
    Tippend und von Atrose geplagt
    Sitzend, bis der Hintern mal gänzlich versagt
    Oh mein Stütelein, verzage nicht
    Der Hengst, er träumt noch immer von deinem Licht

    So schwelge also nicht mein Sonnenschein
    dröge in den Tag hinein
    Hart ist´s auf dem Arbeitsmarkt
    drum lass uns dir verhelfen zu einem guten Start

    Schon wie die alten Waisen es besingen
    so sollst du nicht dein sauer Brot dir verdingen
    Drum komm und nimm dein Hab und Gut
    und stecke es in unsere Projekte
    die dir eröffnen mögen der Welten aller Sinne
    auf dass dir ein erfülltes Stutenleben im Bürohe gelinge!“

    Das kann hier doch nur ein irgendwie ausgesparter Alptraum sein. Ich werde mehr und mehr das schleichende Gefühl nicht los, dass ich in einer gottverlassenen Spelunke dem Regiment eines außer Rand und Band geratenen Schattendämonen ausgeliefert bin, dessen alchimistisch anmutende Wortrezepturen uns alle tief in einen Abgrund blicken lassen. Auch seltsam, weil ich stillschweigend davon ausging, es ließe sich jetzt von tosendem Applaus und Standing Ovations berichten. Doch nichts dergleichen. Totale Fehlanzeige. Nur viele verdutzte Gesichter. Zumindest bei mir im Spiegel. Nein, die Kneipe fand einfach nicht zu ihrer Betriebsamkeit zurück. Dass Schröders Darbietung einer schwülstigen Gesangseinlage gleichkam, wobei es ihm schwergefallen war, die richtigen Töne zu treffen, daran lag es sicherlich nicht. Nein, mit Maschmeyer, oder auch nur seiner Prosa, konnte oder wollte hier wohl niemand etwas anfangen. Ich vermute, dass man auf dieses Finanzarschloch und seine dumpf backene Schauspielergattin hier in Eldorado City einfach nicht gut zu sprechen war. Ja, vielleicht lag es daran. Mit voller, innerer Genugtuung malte ich mir daher insgeheim aus, wie das Tier von seinem Platz sprang, Schröder am Kragen packte und windelweich drosch. Auch Schröders Täubchen stockte zunächst. Doch kann sein, dass sie sich auf ihre Gastgeberrolle besann. Kann sein, dass sie als eine der Wenigen im Saloon ein guter Deal mit Maschmeyer verband. Sie trat jetzt an Schröders Seite und ergriff leidenschaftlich Partei. Für wen oder was auch immer. Ich blieb als einziger weiter am Tresen hocken, und verfolgte nach wie vor alles im Spiegel.

    „Freunde, was sitzt ihr da so trüb herum? Es ist, als hätte mir jemand einen Gedanken ins Ohr geflüstert. Ja Schröder, Schröder hat mir die Augen geöffnet. Ich lag falsch mit meinen Zweifeln an seiner Person. Denn Bildungseliten, meine Freunde. Ja, Bildungseliten sind die Soldaten der Neuzeit. Die manipulative Steuerung der Journaille erfolgt durch sie ganz alleine, nicht durch anonyme Dritte aus dem Hintergrund. Die Akademisierung der Journaille ist der vaterländische Feind, durch den die Verbreitung der Vielfalt untergraben werden soll. Es soll nur noch einen Standard geben. Den des gleichgeschalteten, akademischen Betriebes. Die Gazetten, doch nur vorderste Bastionen dieses sich verschanzenden, moralinsauer vor sich hin gärenden Gedankenhortes. Bollwerk, nichts als ideologisches Bollwerk gegen die Realverhältnisse. Wohin man auch schaut. Überall nur hitzehafte Akteure und vorbeirauschende Stimmen und Bilder. Schwadronierender Wahn von hufscharrenden Götzenanbetern, sonst nichts. Sie halten ihre Fresse für jedermann zur Schau, biedern sich dem Publikum an. Schieben den Sachverhalt des Nu weit, weit von sich. Ins irgendwo entfernt Gelegene. Doch die Glocken läuten es, Freunde. Die Glocken läuten es. Ach die ewigen Glocken. Ihr Klang erzählt uns davon, dass es nur auf den ersten Blick eine Geschichte komplexer Strukturen ist. Doch in Wahrheit sind‘s die alten Lieder. Lieder über solche, die sich verlieren im vordeklinierten Recht. Über die, die kaum mehr zu fühlen im Stande sind als sphärische Sterile. Vergegenwärtigt euch nur all die Stimmen, Freunde. Sie sprechen von Blasen. Sie sprechen von Kollapsen. Sie sprechen von Flüssen und uferlosen Strömen. Sie palavern über Sitte und Moral. Über das Gleichartige im Unterschied. Woher nehmen sie sich das nur heraus? Gar nicht, Freunde. Sie nehmen nur sich selbst heraus. Ihr gesamtes Selbstverständnis, nichts als ein einziges, großes Experimentierlabor für Ideologien. Können, oder wollen sie sich nicht anders offenbaren? Welcher unmenschlichen Siegermentalität bedarf es denn schon, wenn es offenkundig so sehr im Schritte juckt und zwickt, um sich wie koksende TV-Huren-Makler amtlich kundzutun? Ich sage euch Freunde, das ist alles nur Gestümper. Liebloses Gestümper. Wohl nur das Gehstümper, das Gestümper von verblendeten Seelen nur. Nur Gestümper, schon manchmal, nur. Freunde, als Kanzler stand Schröder durchgängig unter diesem Beschuss. Nun lasst uns gemeinsam aus dem Hintergrund zurückfeuern. Das Schwert aus seinem Munde sei dafür die rechte Wahl. Freunde, lasst uns mit Schröder als Führer das Neue proklamieren. Unsere neue Mitte, Freunde!“

    Diesmal sollte ich gewappnet sein. Ich hielt mein Glas fest als der Trommelwirbel begann. Unter Pfiffen und Zugabe Rufen ließ sich das Täubchen feiern. Im Überschwang der Gefühle warf sie sich sogar um Schröders Hals. Mir war das alles nicht mehr verständlich. Beide Reden bestanden ja nur aus Quark, Quark und nochmals Quark. Nach der Entflechtung von Realitätskritik und einer auf alchimistischen Wortrezepturen basierenden Entfremdungstechnik, trat als Skizze doch nur eine totalitär gespeiste, holistische Irrationalität zu Tage. Mehr auch nicht. Im Spannungsbogen von Allmacht Phantasie und parteipolitischen Abnabelungsprozess vollzog alles sein zweites Leben. Götterdämmerungsstimmung auf manische depressive Art. Auch das noch, was soll man davon bloß halten. Das Täubchen ließ es jetzt sogar zu, dass Schröder ihr den Hintern tätschelte. Was wohl das Tier davon hielte? Kann allerdings nur ich aus meinem Spiegel heraus sehen. Pahhh! Ganz recht. Mir wird schlecht bei diesem Anblick. Und der polygame Tattergreis macht jetzt sogar Anstalten erneut zum Publikum zu reden. Genügt dir wohl noch nicht, Schröder, dein Griffel am Arsch eines syrischen Täubchens?

    „Na nu ma langsam, mein Täubchen. Nun mal schön langsam. Wer, wenn nicht ich, verstünde besser deinen Hang zur Bühne und Bigotterie. Ha, Ha, Ha! Wir sollten da jedoch genau abwägen, liebe Cowboys und Genossen. Denn das Neue bewegt sich immer in der Grauzone von klarem Sehen und gedanklicher Imagination. Da ist es auch mit der Mitte nicht getan. Nein, man müsste zunächst einmal die Augen schließen, um hinter der Spiegelung Genaueres zu erkennen. Bedenkt auch, meine lieben Kuhhirten, dass die Vorstellung vom Äußeren an die Körperlichkeit gebunden ist. Verzieht man den Körper und verzerrt die Perspektive, geschieht‘s auch mit der äußeren Vorstellung. Und Schwupps, vorbei ist’s mit der Güte. Aber genug mit dem philosophischen Gequatsche. Denn kann sein, dass ich mit meiner Agenda ein wenig überzogen habe. Kann sein, dass wir über‘s Ziel zu weit hinausgeschossen sind. Kann auch sein, dass all das nicht ganz stimmig ist. Kann alles Mögliche sein. Aber eines ist gewiss. Es steht nun Wichtigeres an. Cowboys und Genossen, lasst uns nun feiern und es beschließen, bei ordentlich Bier und Tamtam. Rückgrat steif, Torsi krumm? Sei’s drum. Wollen uns mit jedermann umarmen und die alte Welt hinter die Binde gießen. Prost Kameraden!“

    Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, mein Glas an seiner anschließenden Wanderung zu hindern. Es war eh leer. Und meine hübsche Syrerin in weiter Ferne. Ein wenig entmutigt, beschloss ich mich ein Weilchen zurückzuziehen und Schröders Feldgewinn bei seinem Täubchen zu verdauen. Mit leerem Glas prostete ich also meinem Spiegelbild zu, und ließ nur noch Wortfetzen an mich heran. Fetzen des vorgerückten Schwachsinns. Durch das ganze Gegröle registrierter ich schon kaum mehr, dass die Standuhr im Eingangsbereich zwölfmal schlug.

    „Damit wir auf dem rechten Weg bleiben, Schröder!“

    „Ha, Ha, Ha! Mein Guter, rechter Wege, rechter Weg, wenn ich das schon höre. Nur das Delirium spricht aus dir. Ha, Ha, Ha!“

    „Schröder, lass dich umarmen!“

    „Platz, mein Kompagnon. Mehr Platz brauchen wir. Manchmal gleich eine ganze Dimension mehr. Denn auch ein Kabel lässt sich zuweilen nur über ein anderes legen. Ha, Ha, Ha!“

    „Mit Schröders Energie kommen wir überall hin. Erst wird die Pipeline gebaut und dann dem Gutmensch sein Feld geklaut!“

    „Ha, Ha, Ha! Ganz recht, ganz recht. Aber ihr dürft die Arbeit nicht scheuen. Arbeiten und feiern, meine Spießgesellen. In diesem Zweiklang besteht das Lebensglück. Wer die Arbeit scheut, der versteht es auch nicht recht zu feiern. Denn rubeln müssen die Stöße. Rubeln, nicht nur rollen. Ha, Ha, Ha!“

    „Jawohl Schröder. Der frühe Vogel fängt den Wurm, und der gewiefte Falkner das syrische Täubchen.“

    „Ha, Ha, Ha! Ich sag’s euch ja. Wenn se mit dem Po wackeln, dann wollen se auch geknallt werden.“

    Wenn sie mit dem Po wackeln, wollen sie auch geknallt werden. Haaa, Haaa, Haaa. Und sowas war mal Bundeskanzler. Ach, was gäb‘ ich drum, wenn jetzt Alice neben mir säße. Sie würde dem Mob schon die Leviten lesen. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht würde sie wie ich den Kopf einziehen, und einfach nur kapitulieren. Sie ist ja eine sehr gescheite Frau. Sie hätte sicherlich drüber nachgedacht, wäre dann aber zu dem Schluss gekommen, dass eine Debatte über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hier nichts bringt.

    „Froh zu sein bedarf es wenig, drum bin ich ein König, wenn ich sie heut noch knall, Ha, Ha, Ha!“

    „Schröder, es lebe der Arsch, es lebe Maschmeiers Penunsen-Spagat!“

    „Du sagst da was wortstimmiges, mein Goldiger. Und mir fällt dazu auch gleich ne passende Zeile vor die Stiefel. Diesmal aus eigener Feder. Kuhtreiber und Stalldirnen, hört mal alle her: Der Maschmeier schafft es selbst noch dem Pauschalurlaub das Pauschale abzuknapsen. Ha, Ha, Ha!“

    „Jawoll Schröder, danach steht uns der Sinn geschrieben. Eine Schwalbe macht noch kein gegrilltes Täubchen. Aber wenn se mit dem Po wackelt, dann will se auch geknallt werden. Jawoll, sowas wollen wir hören.“

    Und wenn se mit dem Po wackelt, will se auch geknallt werden, ja, ja, ja. Sabeldi, Sabeldi, Sab, mehr von dem Papp. Steigert ihr Halunken euch da nur mal gehörig in was hinein und zimmert euren eigenen Staat zurecht. Ach, lasst mich doch alle mal in Ruh.

    Vielleicht auch aus Verlegenheit, sicher aber aus gekränktem Stolz mal wieder nur die zweite Geige zu spielen, schnappte ich mir den Bleistift, den meine hübsche Syrerin auf der Theke hatte liegen lassen, und fing an auf meinem Bierdeckel lustlos herum zu kritzeln. Teilnahmslos, so als ob ich außer mir stünde, folgte ich der Aktivität meiner Hand, und dem, was aus ihr hervorging. Das Augenmerk halb auf den Spiegel gerichtet, halb auf den Bierdeckel, fing ich an alles um mich herum auszublenden. Resümierte in Gedanken die Geschehnisse bis hierhin, bei denen, mit der scharfen Klinge des Skalpells chirurgisch freigelegt und fein säuberlich seziert, es sich doch nur um analytisch recht Form- und Haltloses handelte. Aber manchmal ist mehr vorhanden. Oder man glaubt es nur, will es vielleicht nur glauben. Denn manchmal sieht man mehr als nur sein Ich in einem Spiegel. Mehr, als nur ein Gegenüber. Wenn man sich drauf einlässt, verschwindet die eigene Position. Es ist dann so, als wäre man nicht mehr in sich. Irgendwo anders. Der Verstand kann das nicht greifen. Er geht von einem Innen und einem Außen aus. Von Subjekt und Objekt. Das Prädikat, das Symbol für den zeitlichen Fluss. Für den Zusammenhalt und das Zustandekommen. Alles ist nur ein Jonglieren mit diesen Elementen. Und dennoch spürt man in einem besonderen Maße, wenn man lange vor einem Spiegel sitzt, und den Gedanken und seine zwanghafte Fixierung auf das Außen und das Innen versucht zu unterbinden, dass es außerhalb dessen noch etwas anderes gibt. Man glaubt einen Schöpfungsakt zu erahnen. Aber dann ist es auch schon wieder vorbei. Die Tristes des Alltäglichen und Banalen lässt sich halt nie in dem Maße verleugnen, um den Zustand länger aufrecht zu erhalten. Erst recht nicht, um etwa den Stationen einer dem Grunde nach doch recht formidablen Ereigniskette, und ihrem Verlangen nach Kontradiktaten, ganz ungestüm zur erzählerischen Blüte zu verhelfen. Was bleibt ist ein Strich auf einem Stück Papier, in meinem Fall ein Bierdeckel, mehr nicht, ein wenig Gekritzel, vielleicht auch noch das ein oder andere Wort. Worte und Striche wie Hindernisse, fuhr es mir unweigerlich durch den Kopf. Um fortzufahren, wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben. Ich werde meine Hand heben müssen. Ja, im Spiegelbild sieht‘s so aus als wäre dafür genug Platz. Einfach Hand heben, in einer kleinen Schleife über das Hindernis hinweg und wieder aufsetzen. Ja, so müsste es gehen.

    „Und nun mein Freund, wird es allerhöchste Eisenbahn für dich.“

    Schröder hatte während seiner letzten Worte auf mich gezeigt. Ich sah es erst zeitversetzt ganz deutlich im Spiegel. Es muss dem Tumult ringsum geschuldet gewesen sein, oder aber, dass ich mich für einen Moment habe gehen lassen, mich unachtsam nur auf mein Spiegelbild hatte eingelassen. Aufgeschreckt drehte ich mich auf meinem Hocker um, sah zunächst nur in ein diabolisches Lächeln. Eine breite Grimasse, die alles andere zur Nebensächlichkeit werden ließ. Ich hätte es besser lassen sollen. Denn als Schröder sah, dass ich mich nun seiner Wirklichkeit stellte, fasste er sich mit einem Augenzwinkern in vulgärer Pose in den Schritt, und schwang dann seine Hüfte nach vorn und wieder zurück. Nach vorn und wieder zurück. Hätte ich es im Spiegel verfolgt, ich glaubte es kaum. Ähnlich einem Suppenkasper, oder einem Zieh auf Männchen, spannte er nun vom Becken aus seine Beine gespreizt zum Trapez, und sprang dann von einem Fuß auf den anderen. Dabei hielt er seine Arme weit vom Rumpf gestreckt und die Hände flatterten bizarr in der Luft herum. Er nahm jetzt zwei dieser Zieh auf Männchen Schritte Anlauf, und sprang dann in einem einzigen Satz in den alten Kronleuchter, der unterhalb der Decke befestigt war. Links wie rechts, vorne wie hinten, alles schien mir nun vertauscht. Schnell drehe ich mich also wieder um. Von dieser Stelle aus, rückblickend betrachtet, wahrscheinlich viel zu übereilt, meine zusammengefahrene Hauruckbewegung zurück zum Spiegel und auch mein erneuter Griff zur Krempe. Dieser verrückte Ausflug hätte leicht ins Auge gehen können. Mir bleibt jetzt allerdings nicht genügend Zeit darüber nachzudenken, warum vorne grad nicht vorne gewesen sein sollte. Ich durfte mir meine Verwirrung nicht anmerken lassen. Wenn das mal so einfach wäre. Auch die geübteste Verstellungskunst verliert Teile ihrer Glaubwürdigkeit bei rasendem Puls. Ich hatte wohl schon zu lange auf diesem Hocker gesessen. Mich schon zu lange selbst betrachtet und die Welt aus diesem Spiegel verfolgt. Jetzt, wo jeder Augenblick zählen konnte, war es für eine Kurskorrektur allerdings zu spät. Konzentriere dich also wieder. Konzentriere dich.

    Wie in Feldern, so glatt geschmiert verliefen seine Bewegungen dort oben im Leuchter. Am Anfang ganz langsam, fast stehend. Doch sein obszöner Hüftschwung verhalft ihm bald an Tempo aufzunehmen. Schon bald kreiste sich Schröder über unseren Köpfen in einem das Grundmaß der Kneipe komplett ausfüllenden Oval. Von Umlauf zu Umlauf des Kreisens fällt es mir immer schwerer seine Rechte im Auge zu behalten, denn der Hund hatte es irgendwie geschafft, mit dem Kronleuchter allen Übels zusätzlich auch noch um die eigene Achse zu rotieren. Mal dreht er mir den Rücken zu, verschwindet, erscheint wieder. Dreht mir wieder den Rücken zu, und taucht im Spiegel nur wenig versetzt von dort auf, wo ich ihn eigentlich vermutet hätte. Und mit jedem Umlauf wird alles immer ein wenig schneller und sein breites Grinsen dazu immer unverhohlener. Mir will es beinahe so vorkommen, als wolle sich da etwas lösen. Als ob vorne nur eine Art Maske wäre, dahinter ein zweites Gesicht. Und unterhalb des Kronleuchters, am Boden - ich kann es nur am Rande unscharf ausmachen, da ich nach wie vor meine Augen dahingehend zwinge Schröder auf seiner fliegenden Bahn zu taxieren - nur phlegmatisch huschende Bewegungen. Trotz der Widrigkeit glaube ich jedoch sein Täubchen in dem ganzen Tumult auszumachen. Es bewegt seine Hüften synchron zum über ihr schaurig Kreisenden. Ihre Tanzeinlage wird akustisch begleitet von einem monotonen Brummen aus den Reihen der Männer, die sich in der Mitte des Epizentrums Arm in Arm eingehakt positioniert hatten, ihre Köpfe dabei noch oben ausgerichtet, und während sie dem Kreisenden folgten, diese absonderlichen Summtöne von sich gaben.

    Scheiß Spiel, denke ich. Ja, Scheiß Spiel. Ich registriere, wie sich durch die ganze Dreherei mein linkes Auge verselbstständigt, es fängt an zu schielen, und ich darüber aggressiv werde, da sich nun alles in meinem Spiegel verdoppelt hat. Komplexität, Komplexität. Verfluchte Komplexität. Du mit deiner vermaledeiten Komplexität, Schröder. Musst alles verkomplizieren. Denkst du etwa, du hättest was gegen mich in der Hand? Denkst du, ich wüsste nicht, wo ich mich hier befinde? Denkst gar, du hättest Kontrolle über mich, ich könnte hier nicht einfach so hinaus? Glaubst etwa, du könntest mich einlullen mit deiner Dreherei, deiner affigen Show hier? Doch da täuscht du dich, Schröder, und sie mit dir. Ich brauch mich nur umzudrehen, vom Hocker runter und zur Tür. Steht da etwa jemand hinter, der mir den Weg versperren könnte? Jederzeit Schröder, wann immer ich es will! Jederzeit spaziere ich hier heraus! Doch nanu? Was ist das? Etwa eine neue Finte aus Schröders Wendigkeitskiste? So als ob Schröder die sich in Hochmut umwandelnde Aggressivität meinerseits mitbekommen hätte. Denn ohne Abstrich, jetzt probte er die totale Selbstüberbietung. Er pustete aus vollen Lauf, und ebenso vollen Backen, den Staub von den vielen Kristallen des Leuchters, die nun wieder ihre uneingeschränkte Reflexionstauglichkeit unter Beweis stellten. Dieser verrückte Hund tauchte nun überall auf. Es müssen Hunderte sein. Hunderte Schröders in meinem Spiegel vor mir. Nein Schröder, auch mit diesem Taschenspielertrick sollst du mich nicht kriegen! Ich lass mich von euch doch nicht hinterrücks antanzen! Denn Schröder, nur ein Einziger unterscheidet sich von all den anderen. Der entgegengesetzte Drehsinn verrät ihn mir. Nur ihm muss meine Konzentration gelten. Nur er kann der wahre Schröder sein. Doch Eines musste ich ihm lassen. Der Hund hatte erreicht, dass mir gehörig schwindelig wurde. Scheiß Spiel.

    Ich versuche mich innerlich wieder zu fassen, indem ich mir einbilde, dieser Dreh- und Geschwindigkeitswahn sei irgendwas, nur nicht das. Vielleicht eine Verzerrung im Raum, eine Delle in meinem Spiegel? Scheiß Spiel. Ich habe auch Probleme, meine Peripherie noch klar ausmachen. Vor mir die Theke. Mein Bierglas steht darauf. Meine Hand daran. Die Augen spiegeln sich in den Gläsern. Ich sehe auch noch die Umrandung meiner Brille. Aber was nach der Umrandung kommt, scheint irgendwie abgeschnitten, fehlt einfach. Eine mich verunsichernde Einengung. Hinzu kommt, mein linkes Auge weiß sich manchmal einfach nicht zu benehmen. Es springt eigenmächtig hin und her, schaut mal auf den Schmierfleck auf seinem Brillenglas, ist mal in der Reflexion auf sich selbst gerichtet. Versucht zu verfolgen, wie der große Vorhang vor ihm fällt und wieder hochgeschlagen wird.

    „Jiharrr, ich drehe mich, ich kreis mich hier! Jetzt komm ich mit dem rechten Geist um die Ecke daher!“

    Gott im Himmel. Jetzt hätte ich mir fast in die Hosen gemacht. Mensch Junge, konzentriere dich. Das kann doch nicht so schwer sein. Du läufst hier sonst blindlinks ins Verderben.

    „Jiharrr, ich bleib hier oben baumelnder Weis, bis eure Socken dort unten zu qualmen und stinken beginnen!“

    „Ja. So ist‘s recht, Schröder! Das ist der wahre Geist! Gehen wir es an! Aus sämtlichen Ärschen strömt nur der heiße Dampf vergangener Äonen!“

    „Früher habe ich den Leuten was anderes erzählt, heute vernetzt sich das von ganz alleine. Die virtuelle Welt, meine Freunde und Speergenossen. Jiharrr! Mit Dreizack und Belsebub kreisen bis zur Dämmerstund. Mit ratternden Säbeln und strampelnde Colts. Auch du sollst schon bald hängen und lichterloh brennen. Jiharrr!“

    Dieser Wahnsinnige von dort oben. Dieser Irre in seinem Kronleuchter. Dieses spukhaft torsierte Gespann. Das bereitet mir jetzt wirklich Sorge. Er spult gnadenlos seinen monolithischen Programmkern ab. Kreist und kreist und kreist. Und immer schneller und schneller und schneller. So als ob er sein Spiegelbild vor mir überholen möchte, um dadurch den entscheidenden Tick Vorsprung zu erhaschen, mich dann kalt im Rücken zu erwischen. Vielleicht käme mir das Überholmanöver aber auch gelegen. Dann ließe es sich nämlich hoffen, sich hinter seinem Spiegelbild zu verstecken. Quasi abzutauchen, unsichtbar zu werden. Das wäre von Vorteil. Denn wie ein Raubvogel in einem Sperlingsschwarm, kann ich mich nicht auf ein Einziges mehr konzentrieren. Es kreist sich mir überall. Meine Augen werden gezwungen sich mit seinem Wahnsinn mitzudrehen. Und mein Körper fühlt sich nur noch an wie betäubte, gelähmte Masse. Überall nur noch Schröders fratzenhafte Züge. Sie verdrängen alles Andere, verschwinden nicht mehr. Mein Sehfeld ist nur noch gefüllt mit Köpfen und Fratzen. Es wird gleichermaßen zu Kopf und Fratze. Wird integriert, ist schon ganz Teil meines Kopfes. Und ich sitze immer noch hier. Sitze hier in dieser beschissenen Spelunke am Vorstoß der Straße dieser üblen Stadt. Sitze an vorderster Front, direkt an der Theke. Vor mir der Spiegel. Noch dient er mir als Schutz. Schutz vor den Blicken all der anderen. Ich sehe durch sie hindurch, wandere zum hinteren Teil der Kneipe. Zum Ausgang. Meine Syrerin meint, sie schließen um Zwei. Ich könnte solange warten. Die Sache aussitzen. Untertauchen. Deckung suchen. Deckung hinter meinem Rücken. Ganz in Ruhe, trotz des Wahnsinns um mich herum. Als authentische Person. Aber mit diesem hedonistischen Derwisch im Rücken? Lass es! Ich könnte es genau anders herum machen. Mich gehen lassen. Treiben und treiben und treiben, gleich ihm. Könnte gepflegt mein Bier zu Ende trinken. Aber erst um Zwei schließt die Kneipe. Um Zwei erst. Was bis dahin? Lass es! Wahrscheinlich ist es doch das Beste, den Saloon sofort zu verlassen. Die Straße hinunter, in Sicherheit. Doch ob er in dem fortgeschrittenen Stadium seines Wahns das noch billigen wird? Und zurück könntest du dann nicht mehr. Der Zugang bliebe dir für immer versperrt. Also lass es. Du sitzt das hier jetzt aus. Stellst dich ihm. Scheiß Spiel.

    Ich verkrampfe, registriere wie meine Muskeln starr werden. Das ist nicht gut. Angst ist nie der beste Ratgeber. Denk dran, du musst geschmeidig bleiben. Ich schließe also die Augen. Mit vorgehaltener Hand, er soll es nicht mitbekommt. Versuche kurz abzuschalten. Eine Stimme stellte sich augenblicklich ein. Eine Stimme die mir sagt, du kennst die Situation. Kennst die Folgen deiner falschen Reaktionen. Die mir sagt, diese hier ist jedoch anderes. Du hast an Reife dazugewonnen, bist nun dein eigener Herr, musst dir sein Spiel nicht aufzwingen lassen. Die mir sagt, steh auf und gehe zur Tür hinaus, das ist kein Verbrechen, keine Straftat wert.

    Als sich meine Augen wieder öffneten, waren sie kurz auf das kleine Eckfenster links neben dem Spiegel gerichtet. Ich sah noch die Umrisse der anderen Straßenseite, eine Gestalt glaubte ich dort auszumachen, die ihren linken Arm wie zum Gruß in meine Richtung hob. Vielleicht müsste ich für einen längeren Moment die Augen schließen, um da noch richtig durchzublicken. Aber dann wäre es möglicherweise schon zu spät. Denn wenn die Ereignisse sich häufen, sich auf einen imaginären Punkt hin immer schneller verdichten, ist nicht die Zeit für Kontemplatives. Konzentriere dich also wieder. Mensch konzentriere dich bloß auf seine Rechte. Doch was war das? Eine Hand streifte über meine Linke. Fast mehr ein Hauch von einem Streifen. Das Tier. Wie aus dem Nichts stand es plötzlich neben mir. Ich hatte es nicht kommen sehen. Doch wozu strich er über meine Hand? Es fühlte sich beinahe zärtlich an. Erstaunlich zart für seine kantige Hand, die mehr Zertrümmerungswerkzeug denn evolutionäres Meisterwerk der Natur war. Was wollte er? Seine Berührung brachte mich vollends aus dem Konzept. Ich kam ins Schleudern. Das also war es also. Scheiß Spiel.

    Als ich schnell wieder zurück in den Spiegel schaue, war ich mir kurzweilig nicht mehr ganz im Klaren darüber, wo noch links und wo rechts sein sollte. Schröder kam grad mit günstigem Drehsinn aus der Kurve gebogen, erkannte geistesgegenwärtig meinen schwachen Moment und zog. Ich reagiere viel zu spät. Er erwischt mich mit seiner schwachen Linken in der Seite. Es fühlt sich an, als ob etwas in mir zerspringt. Dann verselbstständigt sich alles Weitere. Mein Oberkörper sackt zunächst auf der Theke zusammen, dann kippt der Hocker weg und ich lande bauchlinks am Boden. Ich schaffe es grad noch meinen Kopf ein wenig zu heben, einen Blick in den Raum zu erhaschen, da erkenne ich, dass es die Rechte war. Ich hatte im Spiegel die ganze Zeit über auf seine Rechte geachtet. Die verkehrte Rechte. Dieses Schlitzohr. Was für eine Klatsche. Was war nur schief gelaufen? Lag es an der Drehung?

    Als meine Nackenmuskulatur von der Anstrengung erschlafft und mein Kopf auf den Boden kracht, bohrt sich etwas Spitzes durch meine Wange. Der schneidende Schmerz ist in meiner Lage nun nicht mehr von Bedeutung. Denn es war geschehen. Ich lag am Boden im Dreck. Ich sah mir die Welt nun von unten an. Um mich herum lauter verstreute Scherbensplitter. Ein Paar Stiefel kamen dann auf mich zu. Vor meinem Gesicht blieben sie stehen.

    „So macht man das auf Russisch. Jetzt schaust du dumm aus der Wäsche, was mein Freund? Ha, ha, ha! Am Ende kommt es nicht so sehr auf die Geschwindigkeit an. Ein gutes Blatt im Ärmel, und auch zu verstehen es auszuspielen, ist meist schon die halbe Miete. Für eine Spiegelaffäre hattest du einfach zu wenig anzubieten. Nur so, nur aus der halbherzigen Position des Augenwinkels heraus, konnte das nichts werden. Du hättest das mit der Körperlichkeit nicht so ernst nehmen sollen. Ich bin schließlich nur Politiker. Politiker und Rechtsadvokat. Misst du meinem Wort zu viel Bedeutung bei, zollst du am Ende nur dem gewieften Rechtsausleger Tribut, ha, ha, ha! Komm nun mein Täubchen. Der hat es bald hinter sich. Lassen wir den hier liegen.“

    Ich verfolgte ihren Abgang vom Boden aus. Ja, ich hatte mich in Sicherheit gewogen, aber das hier war sein Spielfeld. Selbst das Tier war sein Handlanger gewesen. Hätte ich mich von Anfang an geschickter verhalten, abwartender, mehr Zeit meiner Gelegenheit eingeräumt, wäre vielleicht mehr möglich gewesen. Nun ist es jedoch zu spät, mein Blatt ausgereizt. Das war‘s. Ich frage mich allerdings, warum ich immer noch lebe. Mit einer Hand taste ich vorsichtig meine rechte Seite ab. Da war nichts. Absolut nichts. Es war nur ein Streifschuss gewesen. Nicht einmal das. Seine Kugel hatte mich wohl verfehlt. Der Schuss muss meinem Spiegelbild gegolten haben. Der Schmerz, so wie es jetzt aussah, nur ein Phantomschmerz. Ja, genauso hat es sich zugetragen. Es war nichts. Ich hätte es besser dabei belassen sollen. So wie es von Anfang an dastand: „Hallo Herr Schröder.“ Es war so. Genau so. Es war nichts. Und Raja war ihr Name.

TitleHallo Herr Schröder! (Teil 2)
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  • Tim Weber
    Tim Weber
    Na das sagt grad der Richtige :-) Grüße zurück, Tim
  • WERWIN
    WERWIN
    ............^^........mensch tim,dein weg führt in geheimnisvolle welten..............gw